"Going global": Was brauchen Kinder für die Zukunft?

IlseBrunner | 15 September, 2008 00:41

Zukunftsforscher sagen, dass sich Prioritäten und Unterrichtsstrategien an Schulen und Universitäten ändern müssen, damit unsere Jugend eine Zukunft hat. Mit Portfolioarbeit gelingt es, neue Lernwege zu öffnen. Die Rolle als Lehrerin und Lehrer kann so mehr erfüllend werden.

 

 

 

 

1. Szenarien der Zukunft
2. Sechs zentrale Kompetenzen sind gefordert
3. Wie Schule diese Kompetenzen für die Zukunft entwickelt
4. Portfolioarbeit unterstützt neue Lernformen
5. Lehrkräfte:
"From the sage on the stage to the guide on the side"

In die Zukunft gehen1. Szenarien der Zukunft

Daniel Pink: A Whole New Mind
Daniel Pink ist ein freiberuflicher Experte für Probleme in der Arbeitswelt. Er hat für Al Gore Reden geschrieben und war Ratgeber für das Arbeitsministerium in den USA. Zur Zeit schreibt er provozierende Bücher über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in der nahen Zukunft.

Die Hauptthese seines Buches "A Whole New Mind: Why Right-brainers Will Rule the Future" (1) ist, dass sich in den Schulen und an den Universitäten die Prioritäten und die Unterrichtsstrategien ändern müssen, damit die Jugend eine Zukunft hat. Seine Ideen werden von der Regierungskommission der Vereinigten Staaten über die Zukunft der Arbeit in den Industriestaaten bestätigt.

Weltszenario der Zukunft
Ihr Forschungsbericht heißt treffend "Tough Choices or Tough Times" (2). Darin beschreiben sie folgendes Weltszenario:

Alle mechanisierten Arbeitsabläufe werden von Maschinen und Robotern erledigt und alles, was irgendwie routinemäßig hergestellt werden kann, wird nach Asien verlagert, wo es hochqualifizierte Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker gibt, die für einen Bruchteil der Gehälter der Industriestaaten beste Arbeit leisten.
Nur kreative Arbeit wie Forschung und Produktentwicklung, Design und die Entwicklung von Verkaufsstrategien und die Arbeit der obersten Etagen des Managements der global agierenden Industrieunternehmen werden weiterhin in den Industriestaaten angesiedelt sein.(3)

 Arbeitsteilung im Zeitalter der Globalisierung (nach: Tough Choices or Tough Times. Executive Summary. National Center on Education and the Economy, 2007. S. 6. www.skillscommission.org)

Daniel Pink fügt hinzu, dass wir in den Industrieländern in großem Überfluss leben. Noch keine Generation vor uns hat solch einen materiellen Wohlstand erzielt.
Der Überfluss zeigt sich vor allem in der Produktion von Gütern. Alles wird in vielfachster Ausfertigung angefertigt, unterscheidet sich aber in den wesentlichen Elementen nur minimal. Fast alle Waschmittel haben dieselben Inhalte, fast alle Autos derselben Klasse haben dieselben Motoren.
Was sie unterscheidet ist die Aufmachung.

In die Zukunft gehen2. Sechs zentrale Kompetenzen sind gefordert

Für die Jugendlichen der industrialisierten Länder bedeutet das, dass sie sich in neuen Berufszweigen engagieren müssen, in denen Kreativität, Flexibilität und eine neue Sicht der Welt gefordert werden. Daniel Pink isoliert sechs Kompetenzen, die mit einander kombiniert in der neuen Weltordnung eine große Rolle spielen:

  • Design:
    Funktion ist wichtig, aber auf das Design kommt es an. Bilder verfolgen uns: Fernsehen und Computer beschreiben uns eine Welt in Bildern. Aus der Vielfalt der Bilder bleiben die im Gedächtnis, die durch ihre Schönheit oder ihre Exotik bestechen.
    In einer Welt des Überflusses an Produkten nimmt die Ästhetik eine hohe Bedeutung an. Da wir die Qualität der Dinge nicht ändern können, lassen wir uns von ihrer Ästhetik zum Kauf verlocken. Die Dinge kommunizieren mit uns durch ihr Design.
  • Story:
    Fakten sind nur sinnvoll im Kontext. Unser Gehirn ist dazu geschaffen Geschichten im Gedächtnis zu behalten. Daten und Statistiken sagen uns wenig und zwingen uns nicht zum Handeln.
    In einer Welt des Überflusses an Informationen ist es wichtig bewegende Geschichten zu erzählen, um Empathie und Engagement zu wecken.
  • Symphony:
    Kreativität baut auf der Fähigkeit auf Informationen aus den verschiedensten Bereichen zu etwas Neuem zusammenstellen.
    Neue Produkte, neue Strategien, neue Perspektiven, neue Ideen entstehen, wenn wir Phänomene, die nicht zusammengehören gemeinsam betrachten und die unterschiedlichsten Disziplinen vernetzen.
  • Empathy:
    Die neue Realität eines "globalen Dorfes" macht es notwendig sich in die Rolle der Anderen hineinzuversetzen, ihre Weltbilder zu verstehen und zu akzeptieren.
    Die kulturelle Vielfalt unseres Planeten ist eine Chance, von anderen zu lernen, mit ihnen zusammen zu arbeiten und ihre Andersartigkeit wertschätzen zu lernen. 
  • Play:
    Spielen ist eine "ernste" Sache, denn im Spiel entwickelt sich unsere Kreativität. Wenn Lernen zum Spiel wird, können kreative Problemlösungen spielerisch geschaffen werden. Die meisten Erfindungen verdanken wir dem Spieltrieb ihrer Erfinder.
  • Meaning:
    Der zentrale Motor unseres Lebens ist nicht materieller Wohlstand, das Lustprinzip der Spaßgesellschaft oder die Vermeidung von Schmerzen, sondern die Suche nach Sinnhaftigkeit.
    Eine sinnvolle Arbeit macht Freude, selbst wenn sie anstrengend ist. Junge Menschen verlangen von den Erwachsenen die Werte zu leben, die sie predigen. In allen Industriestaaten gibt es eine neue Besinnung auf nachhaltige Werte, die das Gefüge der Gesellschaft zusammenhalten.

In die Zukunft gehen3. Wie Schule diese Kompetenzen für die Zukunft entwickelt

Mediennutzung entwickelt jeweils passende kognitive Strukturen
Für uns Lehrer/innen ist die Botschaft klar. Wir müssen den Kindern die Möglichkeit geben, die erforderlichen Kompetenzen für die Zukunft zu entwickeln.

Die intensive Nutzung von Medien entwickelt bestimmte kognitive Strukturen. Die Buchkultur hat zum Beispiel dazu geführt, dass wir vor allem linear denken. Die meisten von uns lesen ein Wort nach dem anderen. Für das Betrachten von Bildern und Texten verwenden wir verschiedene Strukturen und sind deshalb nicht fähig, simultan Bilder und Texte zu verarbeiten.
Verschiedene Lesestrategien und Lesetechniken wie das Anschauen und Blättern in einem Buch, das Registrieren von Überschriften und Schlüsselwörtern befähigen uns, seine Bedeutung auszuwerten und Buchinhalte zu sichern und nachträglich wieder zugänglich zu machen.

Durch den Umgang mit den neuen elektronischen Medien bilden unsere Kinder schon in ihren ersten Lebensjahren entsprechende kognitive Strukturen aus, die bei uns Erwachsenen nur wenig entwickelt sind.
Sie sind in ihrer Freizeit schon dabei, sich die notwendigen Fertigkeiten für die Gesellschaft von morgen anzueignen. Sie hören Musik, haben den Fernseher laufen, sprechen mit Freunden, arbeiten an einer Mathematikaufgabe, suchen dazu Informationen in Internet und planen das nächste Treffen ihrer Skateboardgruppe - alles zur selben Zeit.

Multitasking: Alles zur selben Zeit
Viele Eltern - und viele Lehrpersonen - glauben, dass sich dieses simultane Arbeiten auf die Qualität der Leistung auswirkt. Sie geben diesem Arbeitsverhalten schuld an den schlechten Noten. Es scheint aber umgekehrt zu sein. Lehrerzentrierter, linearer, unimedialer Unterricht gibt dem Gehirn das Signal abzuschalten. Die kognitiven Strukturen, die es gewohnt sind auf eine Vielzahl von simultanen Impulsen zu reagieren, sind es nicht mehr gewohnt unidimensionale Impulse zu registrieren.

Neue kognitiven Strukturen ermöglichen neues Lernverhalten
Wim Veen (4) recherchiert das neue Lernverhalten von Kindern und stellt fest, dass die neue Generation

  • bewegliche Bilder ganzheitlich erkennt
  • Informationen auf verschiedenen Kanälen gleichzeitig verarbeitet
  • simultan an verschiedenen Aufgaben arbeitet
  • Probleme multimedial löst
  • ihr Weltbild aus vielen isolierten Teilinformationen zusammensetzt
  • mit Wortfetzen und Symbolen kommuniziert.

Die Jugendlichen von heute wollen beim Lernen Spaß haben, sie wollen sich neues Wissen spielerisch aneignen und gemeinsam mit Freunden lernen. Es ist ihnen wichtig ihre eigenen Interessen zu verfolgen, die Sachen selbst auszuprobieren und sich dabei in etwas Interessantes vertiefen zu können. Lernen muss für sie Sinn machen, alles andere verweigern sie.

In die Zukunft gehen4. Portfolioarbeit unterstützt neue Lernformen

Portfolioarbeit ermöglicht Neigungsgruppen und thematische Vernetzung
Unser Unterricht muss sich also den kognitiven Strukturen der Kinder und ihrer Lerngewohnheiten anpassen. Portfolioarbeit ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern in flexibel strukturierten Neigungs- und Interessengruppen Dinge zu erforschen, die sie faszinieren.

Doch dafür ist es notwendig den Unterricht vernetzt zu gestalten und multidisziplinär zu arbeiten. Wir können in großen Themenbereichen arbeiten und die Kolleg/innen anderer Fächer mit einbeziehen. Wir müssen selbst kreativ werden und das Lernumfeld interaktiv und multimedial organisieren.

Portfolioarbeit braucht demokratische Strukturen
Portfolioarbeit braucht demokratische Strukturen. Gemeinsam mit der Klasse werden Unterrichtsentscheidungen getroffen: Lernziele, Lerninhalte, Lernstrategien und mögliche Lernprodukte orientieren sich an den Interessen und Begabungen der Schüler/innen, werden mit ihnen diskutiert und gemeinsam beschlossen.

Kompetenzstandards fördern und veranschaulichen individuellen Lernzuwachs

Kompetenzstandards am Ende eines jeden Zyklus unterstützen diese Art zu arbeiten, denn sie erlauben den jungen Menschen - mit unserer Hilfe - ihre eigenen Lernwege und ihren persönlichen Rhythmus zu finden. In ihren Portfolios dokumentieren sie in wie weit sie die erforderlichen Kompetenzen erreicht haben und reflektieren über ihre Lernstrategien und ihren Lernzuwachs. Sie lernen ihr Wissen und Können mit Sicherheit zu präsentieren und erfahren, dass sie mit ihren Kenntnissen und ihren Fähigkeiten die Welt verändern können.

In die Zukunft gehen5. Lehrkräfte: "From the sage on the stage to the guide on the side"

Vielleicht die größte Herausforderung ist unsere Rolle als Lehrperson neu zu strukturieren. Wir sind nicht mehr "the sage on the stage", sondern "the guide on the side" (wörtlich übersetzt "Vom Weisen auf der Kanzel zum Führer / Begleiter an der Seite").

  • Wir sind Koordinatorinnen, damit die Klasse den Überblick behält.
  • Wir sind Informationsmanager, die den Jugendlichen helfen Informationen zu finden, zu analysieren und sich Urteile über ihre Wahrhaftigkeit und Nützlichkeit zu bilden.
  • Wir sind Organisatoren, die die Klassen bei ihren Projekten unterstützten.

Doch vor allem sollten wir uns als Lernhelferin, Coach, Freundin und Vertraute verstehen: die Person, mit der die Jugendlichen über ihre Probleme reden können, der sie Geheimnisse anvertrauen, mit der sie Spaß haben und die sie ohne Vorbehalte liebt, so wie sie sind, und ihnen das, besonders in schwierigen Situationen, immer wieder deutlich zeigt.

Es ist unsere Aufgabe und unsere Chance aus einzigartigen Individuen mit den unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen eine Lerngemeinschaft zu machen, in der wir Co-Lernende sind, immer bereit etwas Neues auszuprobieren und dazu zu lernen.

Ilse Brunner

  •  Videotipp:
    "A Vision of K-12 Students Today"- mehr
  • Michael Wagner, Donau-Universität Krems: Poster mit den
    "11 Kernkompetenzen der Medienpartizipation"  - mehr
  • "Tough Choices or Tough Times"
    The Report of the new Commission on the Skills of the American Workforce. National Center on Education and the Economy.
    Executive Summary: PDF-Datei - mehr

Literaturangaben
(1) Pink, Daniel (2006) A Whole New Mind. Why Right-Brainers Will Rule the Future. London: Cyan Books
Siehe auch: www.danpink.com
Amazon: mehr

(2) New Commission on the Skills of the American Workforce. (2006) Tough Choices or Tough Times. San Francisco: Jossey-Bass
Siehe auch: www.skillscommission.org
Erweiterte Neuauflage 2008: Amazon - mehr

(3) Vgl. dazu Grafik "Prototypical U.S. industry in 10 years if all goes well"
in: Tough Choices or Tough Times". Executive Summary. S. 8. PDF-Datei - mehr

(4) Veen, Wim & Vrakking, Ben (2006) Homo Zappiens Growing Up in a Digital Age. London: Continuum International Publishing Group Ltd.
Amazon: mehr


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  • September 2008: Portfolio und E-Portfolio
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  • Alle bisher erschienen Ausgaben im Überblick: mehr

Kommentare

Literaturtipp: Mathias Horx: Wie wir leben werden. Unsere Zukunft beginnt jetzt

Thomas Nolte | 19/09/2008, 21:12

ThomasNolte

In Ergänzung des Themas möchte ich auf das jüngste Buch des Zukunftsforschers Matthias Horx verweisen, der die Zukunft unter verschiedenen Aspekten (Geburt, Lernen, Liebe, Arbeit, Wohlstand, Krieg und Katatrophen, Politik, Glaube, Das ganze Leben, Tod) beleuchtet.
Das Thema Lernen wird auf den Seiten 52-82 behandelt.
Fast 400 Seiten für 9,95 EUR sind nicht zu viel für ein sprachlich motivierendes Werk, das auch zahlreiche Literaturhinweise enthält.

http://www.amazon.de/Wie-wir-leben-werden-Zukunft/dp/3492251366/ref=wl_it_dp?ie=UTF8&coliid=I1DZWZ203P42QZ&colid=1WHCRNTEM1IEG

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