Zukunftsforscher sagen, dass sich Prioritäten und Unterrichtsstrategien
an Schulen und Universitäten ändern müssen, damit unsere Jugend eine
Zukunft hat. Mit Portfolioarbeit gelingt es, neue Lernwege zu öffnen.
Die Rolle als Lehrerin und Lehrer kann so mehr erfüllend werden.
1. Szenarien der Zukunft
2. Sechs zentrale Kompetenzen sind gefordert
3. Wie Schule diese Kompetenzen für die Zukunft entwickelt
4. Portfolioarbeit unterstützt neue Lernformen
5. Lehrkräfte:
"From the sage on the stage to the guide on the side"
1. Szenarien der Zukunft
Daniel Pink: A Whole New Mind
Daniel
Pink ist ein freiberuflicher Experte für Probleme in der Arbeitswelt.
Er hat für Al Gore Reden geschrieben und war Ratgeber für das
Arbeitsministerium in den USA. Zur Zeit schreibt er provozierende
Bücher über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen
in der nahen Zukunft.
Die Hauptthese seines Buches "A Whole New Mind: Why Right-brainers Will
Rule the Future" (1) ist, dass sich in den Schulen und an den
Universitäten die Prioritäten und die Unterrichtsstrategien ändern
müssen, damit die Jugend eine Zukunft hat. Seine Ideen werden von der
Regierungskommission der Vereinigten Staaten über die Zukunft der
Arbeit in den Industriestaaten bestätigt.
Weltszenario der Zukunft
Ihr Forschungsbericht heißt treffend "Tough Choices or Tough Times" (2). Darin beschreiben sie folgendes Weltszenario:
Alle mechanisierten Arbeitsabläufe werden von Maschinen und Robotern
erledigt und alles, was irgendwie routinemäßig hergestellt werden kann,
wird nach Asien verlagert, wo es hochqualifizierte Wissenschaftler,
Ingenieure und Techniker gibt, die für einen Bruchteil der Gehälter der
Industriestaaten beste Arbeit leisten.
Nur kreative Arbeit wie Forschung und Produktentwicklung, Design und
die Entwicklung von Verkaufsstrategien und die Arbeit der obersten
Etagen des Managements der global agierenden Industrieunternehmen
werden weiterhin in den Industriestaaten angesiedelt sein.(3)
Daniel Pink fügt hinzu, dass wir in den Industrieländern in großem
Überfluss leben. Noch keine Generation vor uns hat solch einen
materiellen Wohlstand erzielt.
Der Überfluss zeigt sich vor allem in der Produktion von Gütern. Alles
wird in vielfachster Ausfertigung angefertigt, unterscheidet sich aber
in den wesentlichen Elementen nur minimal. Fast alle Waschmittel haben
dieselben Inhalte, fast alle Autos derselben Klasse haben dieselben
Motoren.
Was sie unterscheidet ist die Aufmachung.
2. Sechs zentrale Kompetenzen sind gefordert
Für die Jugendlichen der industrialisierten Länder bedeutet das, dass
sie sich in neuen Berufszweigen engagieren müssen, in denen
Kreativität, Flexibilität und eine neue Sicht der Welt gefordert
werden. Daniel Pink isoliert sechs Kompetenzen, die mit einander
kombiniert in der neuen Weltordnung eine große Rolle spielen:
- Design:
Funktion ist
wichtig, aber auf das Design kommt es an. Bilder verfolgen uns:
Fernsehen und Computer beschreiben uns eine Welt in Bildern. Aus der
Vielfalt der Bilder bleiben die im Gedächtnis, die durch ihre Schönheit
oder ihre Exotik bestechen.
In einer Welt des Überflusses an
Produkten nimmt die Ästhetik eine hohe Bedeutung an. Da wir die
Qualität der Dinge nicht ändern können, lassen wir uns von ihrer
Ästhetik zum Kauf verlocken. Die Dinge kommunizieren mit uns durch ihr
Design.
- Story:
Fakten sind
nur sinnvoll im Kontext. Unser Gehirn ist dazu geschaffen Geschichten
im Gedächtnis zu behalten. Daten und Statistiken sagen uns wenig und
zwingen uns nicht zum Handeln.
In einer Welt des Überflusses an
Informationen ist es wichtig bewegende Geschichten zu erzählen, um
Empathie und Engagement zu wecken.
- Symphony:
Kreativität baut auf der Fähigkeit auf Informationen aus den verschiedensten Bereichen zu etwas Neuem zusammenstellen.
Neue
Produkte, neue Strategien, neue Perspektiven, neue Ideen entstehen,
wenn wir Phänomene, die nicht zusammengehören gemeinsam betrachten und
die unterschiedlichsten Disziplinen vernetzen.
- Empathy:
Die neue
Realität eines "globalen Dorfes" macht es notwendig sich in die Rolle
der Anderen hineinzuversetzen, ihre Weltbilder zu verstehen und zu
akzeptieren.
Die kulturelle Vielfalt unseres Planeten ist eine
Chance, von anderen zu lernen, mit ihnen zusammen zu arbeiten und ihre
Andersartigkeit wertschätzen zu lernen.
- Play:
Spielen ist
eine "ernste" Sache, denn im Spiel entwickelt sich unsere Kreativität.
Wenn Lernen zum Spiel wird, können kreative Problemlösungen spielerisch
geschaffen werden. Die meisten Erfindungen verdanken wir dem Spieltrieb
ihrer Erfinder.
- Meaning:
Der
zentrale Motor unseres Lebens ist nicht materieller Wohlstand, das
Lustprinzip der Spaßgesellschaft oder die Vermeidung von Schmerzen,
sondern die Suche nach Sinnhaftigkeit.
Eine sinnvolle Arbeit macht
Freude, selbst wenn sie anstrengend ist. Junge Menschen verlangen von
den Erwachsenen die Werte zu leben, die sie predigen. In allen
Industriestaaten gibt es eine neue Besinnung auf nachhaltige Werte, die
das Gefüge der Gesellschaft zusammenhalten.
3. Wie Schule diese Kompetenzen für die Zukunft entwickelt
Mediennutzung entwickelt jeweils passende kognitive Strukturen
Für
uns Lehrer/innen ist die Botschaft klar. Wir müssen den Kindern die
Möglichkeit geben, die erforderlichen Kompetenzen für die Zukunft zu
entwickeln.
Die intensive Nutzung von Medien entwickelt bestimmte kognitive
Strukturen. Die Buchkultur hat zum Beispiel dazu geführt, dass wir vor allem linear denken. Die meisten von uns lesen ein Wort nach dem anderen. Für das Betrachten von Bildern und Texten verwenden wir verschiedene Strukturen und sind deshalb nicht fähig, simultan Bilder und Texte zu verarbeiten.
Verschiedene Lesestrategien und Lesetechniken wie das Anschauen und Blättern in einem Buch, das Registrieren von Überschriften und Schlüsselwörtern befähigen uns, seine Bedeutung auszuwerten und Buchinhalte zu sichern und nachträglich wieder zugänglich zu machen.
Durch
den Umgang mit den neuen elektronischen Medien bilden unsere Kinder
schon in ihren ersten Lebensjahren entsprechende kognitive Strukturen
aus, die bei uns Erwachsenen nur wenig entwickelt sind.
Sie sind
in ihrer Freizeit schon dabei, sich die notwendigen Fertigkeiten für
die Gesellschaft von morgen anzueignen. Sie hören Musik, haben den
Fernseher laufen, sprechen mit Freunden, arbeiten an einer
Mathematikaufgabe, suchen dazu Informationen in Internet und planen das
nächste Treffen ihrer Skateboardgruppe - alles zur selben Zeit.
Multitasking: Alles zur selben Zeit
Viele
Eltern - und viele Lehrpersonen - glauben, dass sich dieses simultane
Arbeiten auf die Qualität der Leistung auswirkt. Sie geben diesem
Arbeitsverhalten schuld an den schlechten Noten. Es scheint aber
umgekehrt zu sein. Lehrerzentrierter, linearer, unimedialer Unterricht
gibt dem Gehirn das Signal abzuschalten. Die kognitiven Strukturen, die
es gewohnt sind auf eine Vielzahl von simultanen Impulsen zu reagieren,
sind es nicht mehr gewohnt unidimensionale Impulse zu registrieren.
Neue kognitiven Strukturen ermöglichen neues Lernverhalten
Wim Veen (4) recherchiert das neue Lernverhalten von Kindern und stellt fest, dass die neue Generation
- bewegliche Bilder ganzheitlich erkennt
- Informationen auf verschiedenen Kanälen gleichzeitig verarbeitet
- simultan an verschiedenen Aufgaben arbeitet
- Probleme multimedial löst
- ihr Weltbild aus vielen isolierten Teilinformationen zusammensetzt
- mit Wortfetzen und Symbolen kommuniziert.
Die Jugendlichen von heute wollen beim Lernen Spaß haben, sie wollen
sich neues Wissen spielerisch aneignen und gemeinsam mit Freunden
lernen. Es ist ihnen wichtig ihre eigenen Interessen zu verfolgen, die
Sachen selbst auszuprobieren und sich dabei in etwas Interessantes
vertiefen zu können. Lernen muss für sie Sinn machen, alles andere
verweigern sie.
4. Portfolioarbeit unterstützt neue Lernformen
Portfolioarbeit ermöglicht Neigungsgruppen und thematische Vernetzung
Unser
Unterricht muss sich also den kognitiven Strukturen der Kinder und
ihrer Lerngewohnheiten anpassen. Portfolioarbeit ermöglicht es den
Schülerinnen und Schülern in flexibel strukturierten Neigungs- und
Interessengruppen Dinge zu erforschen, die sie faszinieren.
Doch
dafür ist es notwendig den Unterricht vernetzt zu gestalten und
multidisziplinär zu arbeiten. Wir können in großen Themenbereichen
arbeiten und die Kolleg/innen anderer Fächer mit einbeziehen. Wir
müssen selbst kreativ werden und das Lernumfeld interaktiv und
multimedial organisieren.
Portfolioarbeit braucht demokratische Strukturen
Portfolioarbeit
braucht demokratische Strukturen. Gemeinsam mit der Klasse werden
Unterrichtsentscheidungen getroffen: Lernziele, Lerninhalte,
Lernstrategien und mögliche Lernprodukte orientieren sich an den
Interessen und Begabungen der Schüler/innen, werden mit ihnen
diskutiert und gemeinsam beschlossen.
Kompetenzstandards fördern und veranschaulichen individuellen Lernzuwachs
Kompetenzstandards am Ende eines jeden Zyklus unterstützen diese
Art zu arbeiten, denn sie erlauben den jungen Menschen - mit unserer
Hilfe - ihre eigenen Lernwege und ihren persönlichen Rhythmus zu
finden. In ihren Portfolios dokumentieren sie in wie weit sie die
erforderlichen Kompetenzen erreicht haben und reflektieren über ihre
Lernstrategien und ihren Lernzuwachs. Sie lernen ihr Wissen und Können
mit Sicherheit zu präsentieren und erfahren, dass sie mit ihren
Kenntnissen und ihren Fähigkeiten die Welt verändern können.
5. Lehrkräfte: "From the sage on the stage to the guide on the side"
Vielleicht die größte Herausforderung ist unsere Rolle als
Lehrperson neu zu strukturieren. Wir sind nicht mehr "the sage on the
stage", sondern "the guide on the side" (wörtlich übersetzt "Vom Weisen
auf der Kanzel zum Führer / Begleiter an der Seite").
- Wir sind Koordinatorinnen, damit die Klasse den Überblick behält.
- Wir
sind Informationsmanager, die den Jugendlichen helfen Informationen zu
finden, zu analysieren und sich Urteile über ihre Wahrhaftigkeit und
Nützlichkeit zu bilden.
- Wir sind Organisatoren, die die Klassen bei ihren Projekten unterstützten.
Doch
vor allem sollten wir uns als Lernhelferin, Coach, Freundin und
Vertraute verstehen: die Person, mit der die Jugendlichen über ihre
Probleme reden können, der sie Geheimnisse anvertrauen, mit der sie
Spaß haben und die sie ohne Vorbehalte liebt, so wie sie sind, und
ihnen das, besonders in schwierigen Situationen, immer wieder deutlich
zeigt.
Es ist unsere Aufgabe und unsere Chance aus
einzigartigen Individuen mit den unterschiedlichsten
Lernvoraussetzungen eine Lerngemeinschaft zu machen, in der wir
Co-Lernende sind, immer bereit etwas Neues auszuprobieren und dazu zu
lernen.
Ilse Brunner
- Videotipp:
"A Vision of K-12 Students Today"- mehr
- Michael Wagner, Donau-Universität Krems: Poster mit den
"11 Kernkompetenzen der Medienpartizipation" - mehr
- "Tough Choices or Tough Times"
The Report of the new Commission on the Skills of the American Workforce. National Center on Education and the Economy.
Executive Summary: PDF-Datei - mehr
Literaturangaben
(1) Pink, Daniel (2006) A Whole New Mind. Why Right-Brainers Will Rule the Future. London: Cyan Books
Siehe auch: www.danpink.com
Amazon: mehr
(2) New Commission on the Skills of the American Workforce. (2006) Tough Choices or Tough Times. San Francisco: Jossey-Bass
Siehe auch: www.skillscommission.org
Erweiterte Neuauflage 2008: Amazon - mehr
(3) Vgl. dazu Grafik "Prototypical U.S. industry in 10 years if all goes well"
in: Tough Choices or Tough Times". Executive Summary. S. 8. PDF-Datei - mehr
(4)
Veen, Wim & Vrakking, Ben (2006) Homo Zappiens Growing Up in a
Digital Age. London: Continuum International Publishing Group Ltd.
Amazon: mehr
Themenwochen Online-Lernen
Neue Medien im Einsatz.
Das Online-Magazin in zweimonatigem Turnus!
- September 2008: Portfolio und E-Portfolio
"Keine Methode, sondern eine Einstellung!"
Inhaltsverzeichnis: mehr
- Alle bisher erschienen Ausgaben im Überblick: mehr
Literaturtipp: Mathias Horx: Wie wir leben werden. Unsere Zukunft beginnt jetzt
Thomas Nolte | 19/09/2008, 21:12
In Ergänzung des Themas möchte ich auf das jüngste Buch des Zukunftsforschers Matthias Horx verweisen, der die Zukunft unter verschiedenen Aspekten (Geburt, Lernen, Liebe, Arbeit, Wohlstand, Krieg und Katatrophen, Politik, Glaube, Das ganze Leben, Tod) beleuchtet.
Das Thema Lernen wird auf den Seiten 52-82 behandelt.
Fast 400 Seiten für 9,95 EUR sind nicht zu viel für ein sprachlich motivierendes Werk, das auch zahlreiche Literaturhinweise enthält.
http://www.amazon.de/Wie-wir-leben-werden-Zukunft/dp/3492251366/ref=wl_it_dp?ie=UTF8&coliid=I1DZWZ203P42QZ&colid=1WHCRNTEM1IEG
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