"Locker ins Abi" - Prüfungsvorbereitung im virtuellen Klassenzimmer

JuliaBorn | 15 Juni, 2010 00:44

"Locker in die Abiprüfung zu gehen, weil ich gut vorbereitet bin und weiß, was auf mich zukommt." - Das hatte sich Ulrike Kramer als Ziel für ihre Schülerinnen und Schüler gesetzt und bereitete dafür einen virtuellen Raum vor. Lesen Sie ihr Konzept - und erfahren Sie, wie die Vorbereitungen bei den Jugendlichen ankamen!

Foto: Zwei Schüler von Ulrike Kramer bei der Vorbereitung fürs Reli-Abi

  • Die Aufgabe: Abiturvorbereitung
  • Mein Konzept: Abivorbereitung mit Online-Unterstützung
  • Meine Plan: In sechs Schritten zum Abi
  • Alles läuft anders - aber trotzdem gut
  • Das sagen die Schülerinnen und Schüler

Aufgabe: Abiturvorbereitung

Ich bin Lehrerin an einem Internat in Hessen. Über hundert junge Erwachsene besuchen dort die Oberstufe des Gymnasiums. Sie bringen unterschiedliche Kenntnisse und Kompetenzen mit. Ihr Ziel ist natürlich ein möglichst gutes Abitur, und wir wollen sie dabei unterstützen.

Die Schülerinnen und Schüler müssen in Hessen in drei Fächern eine schriftliche Abiturprüfung ablegen, in zwei Leistungsfächern und einem dritten Fach. Diese Prüfungen finden kurz vor der Osterferien statt. Von Seiten der Schule ist es festgelegt, dass sich die SchülerInnen zwischen Weihnachten und Osterferien auf diese schriftliche Prüfung vorbereiten. Das gilt auch für das Fach Evangelische Religion, das ich unterrichte.

Die Heranwachsenden nehmen meine Unterstützung gerne an. Andererseits legt ja immer nur ein kleiner Teil des Kurses die schriftliche Prüfung ab. Im Unterricht selbst kann ich daher nur ansatzweise darauf eingehen. Darum suchte ich nach einer hilfreichen Idee.

Mein Konzept: Abivorbereitung mit Online-Unterstützung

Bereits seit der Jahrgangsstufe 12 hatte ich mit der Klasse in einem virtuellen Klassenzimmer gearbeitet bei rpi-virtuell gearbeitet. Alle SchülerInnen hatten in der 12/2 statt der zweiten Klausur ein Portfolio angefertigt.

Die Zusammenarbeit in einem solchen virtuellen Raum ist sehr flexibel. Es gibt keine räumliche und zeitliche Begrenzung, die Lerngruppen können beliebig zusammengestellt werden. Ich sah die Chance, die Prüfungsvorbereitung in einem virtuellen Raum durchzuführen. Die technischen Hürden für die SchülerInnen waren nicht zu groß, gleichzeitig konnte ich sie zu einer längerfristigen Vorbereitung ermutigen.

Ich überlegte mir, dass die SchülerInnen hier gezielt Themen vorbereiten, sich gegenseitig Ergebnisse präsentieren und Feedback geben könnten. "Locker in die Abiprüfung zu gehen, weil ich gut vorbereitet bin und weiß, was auf mich zukommt" - das war mein Ziel für das Angebot.

Meine Planung

Wie wollte ich mein Angebot aufbauen? Ich überlegte mir die Hauptschritte. Sie sollten jeweils ein bis zwei Wochen dauern. Ein Leitthema fasste als kurze Botschaft zusammen, was ich den Jugendlichen in diesem Schritt vermitteln wollte.

Interaktive Werkzeuge: Zur Zusammenarbeit wollte ich das Forum und das Seminarwiki nutzen. Ihre persönlichen Vorbereitungen und Überlegungen sollten die Jugendlichen in einer Mappe dokumentieren.

1. Einstieg: "Du bist hier willkommen"
Die SchülerInnen kommen gemeinsamen virtuellen Raum an, sie schauen sich und und stellen sich vor.

2. "Ich weiß im Groben, worum es in der Abiturprüfung geht"
Die SchülerInnen informieren sich über die Vorgaben des Kultusministeriums zur Abiturprüfung: Bestimmungen, Themen, Bewertung. Sie ordnen den Themen die im Unterricht behandelten Texte und Inhalte zu, so dass im Wiki Organizer oder kognitive Landkarten zu den Hauptthemen entstehen.

Der Ausschnitt aus dem Seminarwiki zeigt als Beispiel die Zusammenstellung zur Ethik des Neuen Testaments.

3. "Bibeltexte als Grundlage für die Abiturprüfung"
Die SchülerInnen suchen Bibeltexte heraus, die sie für wichtig halten, und notieren sie mit einer kurzen Erläuterung im Wiki. Sie vergleichen, welche Texte für die MitschülerInnen wichtig sind.

Der Ausschnitt aus dem Seminarwiki zeigt beispielhaft einige der Bibeltexte, die SchülerInnen gewählt haben.

4. "Welche Themen kommen in Frage? Mein persönliches Ranking"
Nun sind alle relevanten Themen und Bibeltexte im Wiki zusammen getragen.
Die SchülerInnen überlegen:
- Welche Themen finde ich persönlich spannend/langweilig?
- Zu welchem Gesamtergebnis kommt unsere Gruppe?

Sie ergänzen spannende Texten und Gedanken in der Themenübersicht. Sie nehmen frühere Prüfungsaufgaben zur Kenntnis und überlegen: Welche Aufgaben könnten in der Abiturklausur zu diesen Themen gestellt werden?

5. "Mein persönliches Abi"
Die SchülerInnen informieren sich über den Ablauf des Prüfungstags. Sie überlegen sich: Worauf will ich achten, damit ich gut arbeiten kann?
Welches Thema würde ich wählen?
Sie entwickeln Auswahlkriterien für die Prüfungsaufgaben.

6. "Prüfungstraining - wir helfen uns gegenseitig" - Präsenzphase
Die SchülerInnen bearbeiten ausführlich zwei Abituraufgaben zu unterschiedlichen Themen. Sie stellen sich gegenseitig die Ergebnisse in einer Kurzpräsentation mit Hilfe von Flipchartplakaten vor und geben sich gegenseitig Feedback.

In den letzten Tagen vor dem Abitur sollte dann nur noch Entspannung angesagt sein: "Du hast es geschafft und bist gut vorbereitet!"

Alles läuft anders - aber trotzdem gut!

Alles kam anders als geplant: Die Fahrtenwoche unserer Schule wurde für die Abiturienten zur Lernwoche für die dritten Prüfungsfächer.
Da ich meine Vorbereitungen nutzen wollte und wir mit den bisherigen Materialien arbeiten wollten, brauchte die Religruppe brauchte natürlich eine Unterkunft mit Internetanschluss.

Wir fanden ein schönes Ferienhaus in Schondorf am Ammersee und lernten dort. Das Foto zeigt unseren Tagesplan.

Das virtuelle Klassenzimmer kam zum Einsatz, aber anders als geplant.

  • Wie geplant, fassten die SchülerInnen mit meiner Unterstützung die Lernergebnisse im Wiki zusammen.
  • Sie erstellten Plakate, fotografierten sie und luden die Bilder zur Dokumentation in den gemeinsamen virtuellen Raum hoch.
  • Sie erstellten Musterlösungen für vergangene Abiturprüfungen.

Was wir natürlich nicht brauchten, war das Forum. Denn wir redeten ja den ganzen Tag Auge in Auge miteinander. Da war es die Kommunikation im Forum überflüssig.

Das sagen die Schülerinnen und Schüler

"Gut vorbereitet!"
Es gelang uns tatsächlich, auf diese Weise für eine gute Vorbereitung zu sorgen:
Die Prüflingen genossen es, dass sie alles Material im Seminarraum sicher und geordnet gesammelt hatten. Einige druckten sich kurz vor den Prüfungen den Text es Wikis aus um ihn zu lernen, andere nutzten den Seminarraum als "papierloses Büro" zum Lernen.

Am Tag der Abiturprüfung stellte sich heraus, dass wir die richtigen Schwerpunkte gesetzt hatten und die Prüflinge das Gefühl hatten, sie hätten "das Richtige" gelernt.

Die Rückmeldungen der SchülerInnen

  • Informative Plattform
  • Lernpädagogisch endlich am technischen Stand unserer Generation angekommen
  • Toll ist Zugänglichkeit überall. Man kann nichts mehr verlieren, das ist gerade für mich als Chaoten super. rpi-virtuell fördert den Umweltschutz, weil Papier gespart wird.
  • Das Wiki gefällt mir, weil wir simultan an verschiedenen Projekten arbeiteten, die dann zu einem Großen zusammengefügt wurden.

... und das Ergebnis?
Während ich dies schreibe, ist es erst eine Woche her, dass das Abitur stattgefunden hat. Die Korrektur der Abiturarbeiten steht noch aus. Auch die Evaluation der Arbeit mit dem Seminarraum hat noch nicht stattgefunden.
Was ich bereits sagen kann: Meinem Gefühl nach hat sich die gute Vorbereitung auf jeden Fall gelohnt!

Ulrike Kramer

 

Ulrike Kramer unterrichtet Mathematik und Religion in einem hessischen Gymnasium und Internat. Sie interessiert sich für neue Lernmethoden und online unterstütztes Lernen und freut sich, wenn es ihr gelingt, ihre Schülerinnen und Schüler zu motivieren und zu guten Leistungen anzuregen.

 

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