Globale Spiritualität - Utopien und Visionen sog. "spiritueller Meister"

ReinerAndreasNeuschaefer | 22 November, 2009 14:13

 Das Projekt bzw. die Idee eines sog. "Weltethos", das der Philosoph und Theologe Hans Küng angerollt hat, spielt in vielen religionspädagogischen Veröffentlichungen schon eine große Rolle. Kritiker des Weltethos-Gedankens wie Karl-Ernst Nipkow werden in ihrer gedanklicher Schärfe zumeist nicht wahrgenommen. Nun hat der ehemalige Chefredakteur des "Publik Forum" Christoph Quarch ein neues Projekt angestoßen und dazu ein Buch veröffentlicht, das man auch im Bereich von Kirche und Schule zumindest einmal wahrgenommen haben sollte:
CChristoph Quarch (Hg.): Unsere Welt ist heilig. Auf dem Weg zu einer globalen Spiritualität, Freiburg: Herder 2009, 200 Seiten, 16,95 €. ISBN 978-3-451-32661-5
 Hier einige kritische Einschätzungen und Einsichten:

Worum es geht ... 

Die häufigsten Wörter, die in diesem Sammelband vorkommen, sind Herz, Bewusstsein, Geist, Liebe, Harmonie, Kraft, Grund, Evolution u.ä.! Sie durchziehen das Buch von der ersten bis zur letzten Seite und signalisieren, worum es dem Herausgeber (ehemaliger Chefredakteur von "Publik Forum")eigentlich geht: die Vorstellung einer globalen Spiritualität als einzige Möglichkeit, den vielen globalen Herausforderungen zu begegnen.
Das Axiom des Herausgebers ist, dass es eine allen Religionen und Konfessionen zugrunde liegende Idee, Quelle bzw. Wurzel gibt, die allem Religiösen zugrunde liegt. Also spielt die Identität der eigenen Religion eine untergeordnete Rolle; es zählt mehr eine übergreifende Idee oder ein übergreifendes Wort.

Nicht überall, wo Religion drauf steht, ist auch Religion drin ... 

Und hier genau liegt für mich ein Hauptproblem: die gleich verwendeten Wörter werden nicht in ihrer unterschiedlich gefüllten Begriffsbestimmung ernst genommen. Es meint eben nicht jede/r das Gleiche, wenn er oder sie dasselbe Wort verwendet.
Nichtsdestotrotz ist es natürlich verlockend, eine harmonische Spititualität der Welt sich vorzustellen. Doch: Wer nach allen Seiten offen ist, kann ja nicht mehr ganz dicht sein. Es braucht auch Wände, die verdeutlichen, dass der/die andere anders ist, anders denkt und empfindet und eben nicht - auch nicht in einem Urgrund - im anderen aufgeht und sich damit letztendlich aufgibt - auch wenn der Herausgeber betont, dass es ihm nicht um eine transkonfessionelle, sondern um eine subkonfessionelle Spiritualität gehe.

Spirituelle Meister?

Der Herausgeber hat siebzehn selbstsernannte sog. "spirituelle Meister" interviewt und im Dialog mit ihnen ihre Ideen von Spiritualität herausgekitzelt. Die Auswahl der Dialogpartner/innen ist weder transparent noch einsichtig und spiegelt keineswegs die Basis der jeweiligen Religionen bzw. Konfessionen wider. Die Vertreter kommen zumeist aus dem Raum des Buddhismus, Schamanismus, aber auch aus dem Islam, dem Sufismus, dem Judentum und auch im weitesten Sinne christlichen Glauben. Ein Vertreter des Hinduismus fehlt ebenso wie eine vertretende Person aus dem Bereich des Atheismus, Agnostizismus oder Daoismus.

Die Interviews selber sind gut und gekonnt geführt und malen ansprechend die jeweiligen Vorstellungen und Überzeugungen vor Augen. Kurze Impulse und Informationen zu den Dialogpartnern lockern das flüssig geschriebene Buch auf.

Über den Weltethos-Gedanken hinaus ...

Ansprechend ist sowohl das Vorwort als auch die Zusammenfassung des Herausgebers Christoph Quarch.
Demnach ist globale Spiritualität immer plural und nie konfessionsneutral, steril oder gesichtslos.
Von daher grenzt sich das Buch auch ab gegen eine Idee des sog. "Weltethos" wie es Hans Küng initiiert hatte. Zwar verdient "Hans Küngs Eintreten für ein Weltethos (...) unser aller Dank und Ehrfurcht. Denn das Weltethos ist gleichsam ein Leuchtfeuer, das den Schiffen der unterschiedlichen Religionen und Kulturen die Richtung weist. Doch es treibt sie nicht an. Es füllt ihre Segel nicht mit Wind. Der Wind weht woanders her. Er weht aus der Begeisterung des Herzens. Er weht aus der Erfahrung des göttlichen Geistes. Der Wind heißt Spiritualität. Und er weht auf allen sieben Meeren. Er ist global." (S. 8).

Ein interessantes Buch mit einseitigen Einblicken in die Spiritualität der Religionen, Konfessionen und Kulturen. Allerdings ist diese Idee nicht immer überzeugend und einsichtig vorgestellt bzw. sie erschöpft sich in schonend und schön formulierten Sätzen bzw. Begriffen. Aber die jeweilige Identität der Konfessionen kommt zu kurz.

Einladung zum Gespräch

Am Ende des Buches lädt der Herausgeber zur Diskussion im Internet ein (www.globalspirituality.info) und stellt einen (glücklicherweise kurzen!) Text vor, auf den sich sieben Vertreter "spiritueller Meister" nach einem Treffen in der Villa Unspunnen bei Interlaken einigen konnten, dessen Blässe jedoch symptomatisch ist und darlegt, dass alle Kraft zur Veränderung aus dem Eigenen erwartet wird und zumindest darin zutiefst dem christlichen Glauben (aber nicht nur ihm!) widerspricht!


Ohne Hinduismus und Frauen?

Letztendlich handelt es sich bei diesem Buch lediglich um eine Quellensammlung zur Spiritualität verschiedenener Religonen (leider kein Vertreter aus dem Hinduismus und auch "nur" zwei Frauen!), die als Steinbruch verwendet werden kann.

Die Idee einer "globalen Spiritualität" selber wird - zumindest argumentativ - wenig überzeugend diskutiert oder in einen größeren Bezugsrahmen gestellt. So bleibt man nach der Lektüre trotz aller Dankbarkeit für manche Einsichten lediglich unbefriedigt v.a. am Geist!

Ein interessantes Buch - nicht mehr, aber auch nicht weniger!

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