Editorial: Online-Bibel - 176 Versionen nur ein Klick entfernt!

JeanLouisGindt | 15 Juni, 2009 00:52

Ein bücherregal mit BibelnMit ein paar Klicks und kostenlos ist die Heilige Schrift im weltweiten Web zu finden. Online bietet die Bibel sogar mehr als die handelsüblichen Printausgaben. Es öffnen sich neue Chancen der Begegnung, die bisher nur Spezialisten mit einem Stapel von Bibelübersetzungen und Konkordanzen vorbehalten waren.

  • Online-Bibel: Einfach, schnell und in 176 Versionen
  • Übersetzungen vergleichen, neue Blickwinkel entdecken
  • Jede Menge: Online-Bibeln und digitale Bibeln
  • Bibel im zukunftsorientierten Religionsunterricht

Online-Bibel: Einfach, schnell und in 176 Versionen

In einer Online-Bibel genügt es, Buch, Kapitel und Vers einzugeben, und schon hat man die gewünschte Bibelstelle auf dem Schirm. Für den wenig geübten Leser entfällt somit das mühevolle Blättern und Suchen. Doch auch der regelmäßige Bibelleser möchte wohl kaum noch auf Online-Bibeln verzichten.

Wer schnell eine bestimmte Bibelstelle aufrufen will, dem seien drei Adressen empfohlen:

diebibel.de
Unter diebibel.de findet der Leser Zugang zum Bibeltext in derzeit 176 verschiedenen Übersetzungen und 66 Sprachen. Die Handhabung ist recht einfach und intuitiv:
Zunächst wählt man die gewünschte Übersetzung aus. Dann - wie gewohnt - Buch, Kapitel und Verse. Schon wird der Text angezeigt. Selbstverständlich lässt dieser sich kopieren, einfügen oder bearbeiten. Darüber hinaus kann man problemlos eine gewünschte Bibelstelle in zwei Übersetzungen nebeneinander lesen.

bibleserver.com
Der Bibleserver bietet dem Leser lediglich 37 Übersetzungen zur Auswahl. Das Angebot hat aber einen großen Vorteil: Es erlaubt in allen Übersetzungen das Suchen nach Begriffen. Mit einem Klick auf "Vergleichen" kann man sich einen Bibelvers in allen Übersetzungen anzeigen lassen. Um eine synoptische Sicht zu bekommen, wählt man unter "Lesen" ebenfalls die Option "Parallelansicht öffnen" aus. Dann stehen beliebig viele Bibeltexte nebeneinander.
Wer sich registriert, kann unter anderem auf gespeicherte Suchergebnisse zurückgreifen.

  • Bibleserver.com: mehr
die-bibel.de
Das Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft  bietet 8 evangelische Übersetzungen an. Das Besondere hier: Icons im Bibeltext verweisen auf Erklärungen aus dem Bibellexikon, welche direkt aufgerufen werden können.
Die hebräischen und griechischen Grundtexte (Biblia Hebraica, Septuaginta und Nestle-Aland) sind zusammen mit der lateinischen Bibel (Vulgata) im wissenschaftlichen Bibelportal zu finden.
Derzeit entsteht auf diesen Seiten ein umfangreiches, kostenlos zugängliches wissenschaftliches Bibellexikon im Internet, WiBiLex genannt. Von über 3000 geplanten Artikeln sind rund 600 Artikel bereits online.
  • die-bibel.de - Bibelübersetzungen: mehr
  • Bibelwissenschaft, das wissenschaftliche Portal der deutschen Bibelgesellschaft: mehr
  • WiBiLex.de: mehr

Neben der einfachen und schnellen Handhabung bieten die Online-Bibeln dem Internauten also die phantastische Möglichkeit, die Bibel immer in Reichweite zu haben, sie zu lesen, zu entdecken und zu durchsuchen, auf eine Art und Weise, die vormals nur einigen Spezialisten in Spezialbibliotheken und mit einem Stapel von Bibelübersetzungen und Konkordanzen möglich war.

Übersetzungen vergleichen - neue Blickwinkel entdecken

"Übersetzen heißt verraten" lautet ein französisches Sprichwort
Die Lutherübersetzung hat die deutsche Sprache beeinflusst und den evangelischen Glauben geprägt, der katholische Gottesdienst war durchdrungen von der lateinischen Vulgata. Die Bibel jedoch wurde weder in Deutsch noch in Latein geschrieben. Bis heute können nur wenige den Bibeltext in den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch lesen.

Wir sind demnach alle auf Übersetzungen angewiesen. Jeder, der sich mit Übersetzungen beschäftigt, kennt aber die Schwierigkeiten: "traduire, c'est trahir" (übersetzen heißt verraten), sagt ein französisches Sprichwort. Weniger radikal formuliert bedeutet dies, dass es DIE Übersetzung nicht gibt, es gibt nur viele Übersetzungen, die allesamt ihre Eigenart sowie ihre Vorteile und Nachteile haben.

Jede Übersetzung öffnet neue Blickwinkel
Sicherlich ist es für den Bibelleser sowie für den Gläubigen von Bedeutung, bestimmte Bibelverse im Ohr zu haben, die Worte zu verinnerlichen und Bibeltexte an ihrem Wortlaut wiederzuerkennen. Den gleichen Text in verschiedenen Übersetzungen zu lesen mag verwirren. Gleichzeitig ist es eine noch wenig bekannte Chance, die gerade durch die Online-Bibel an Bedeutung gewinnen wird. Die Möglichkeit, die Bibel in verschiedenen Übersetzungen zu lesen, kann einen neuen Zugang ermöglichen, neue Blickwinkel eröffnen und das Verständnis erweitern.

Obwohl die meisten Menschen überfordert sind, die Qualität der Übersetzungen zum Hebräischen bzw. Griechischen Originaltext zu beurteilen, können sie sehr wohl Unterschiede zwischen den verschiedenen Übersetzungen feststellen.
Sie finden meist schnell eine Übersetzung, die sie von der Sprache her bevorzugen.

Eine wortwörtliche fundamentalistische Bibellektüre wird hingegen durch die vielen unterschiedlichen Übersetzungen kaum mehr zu rechtfertigen sein.
Auch die Kirchen werden in ihren Argumentationen gefordert sein, wenn sie ausschließlich eine bestimmte Übersetzung bevorzugen.

  • Wikipedia: Textvergleich deutschsprachiger Bibelausgaben: mehr

 

Jede Menge: Online-Bibeln und digitale Bibeln

Neben der Bibel in bekannter Buchform gibt es viele Bibelübersetzungen auch in digitaler Form. Digital bedeutet aber nicht automatisch online. So manche Übersetzungen sind auf CD oder DVD erhältlich, stehen aber nicht abrufbereit und kostenlos im Netz.

Bibelübersetzungen: Künftig alle im Netz?
Mit dem Hinweis auf die Autorenrechte der Übersetzer ist es nachvollziehbar und verständlich, dass nicht alle Übersetzungen im Internet stehen, doch gleichzeitig frage ich: Wer, außer einigen Spezialisten, kauft sich eine Bibel, wenn er sie kostenlos erhalten kann?
In anderen Worten: Eine Bibelübersetzung, die ich nicht im Netz finde, wird auf Dauer an Bedeutung verlieren.

  • Die BasisBibel will eine neue Bibelübersetzung für eine neue Generation junger Menschen sein. Sie ist in der Tat multimedial und  interaktiv. Sie ist als einzige Bibelübersetzung für das Lesen am Bildschirm konzipiert und ist durchsät mit Hyperlinks zu Erklärungen und Ergänzungen.
    - basisbibel.de: mehr
  • Die Bibel in gerechter Sprache ist leider (noch) nicht im Netz zu finden. Diese kontrovers diskutierte Übersetzung ist jedoch in digitaler Form auf CD-Rom erhältlich.
    - bibel-in-gerechter-sprache.de: mehr
  • Eine ausführliche Sammlung von Online-Bibeln ist im rpi-Wiki zusammengestellt: mehr

Katholische Online-Bibeln
Unter allen Online-Bibeln fällt auf, dass fast ausschließlich protestantische Bibeln im Netz zu finden sind.
Bibelübersetzungen, die das Imprimatur der Katholischen Kirche erhalten haben, lassen sich quasi auf einer Hand aufzählen:

  • die deutsche Einheitsübersetzung: mehr
  • die französische Traduction Oecuménique de la Bible: mehr
  • die französische Bible de Jérusalem: mehr
  • die New American Bible: mehr
  • die New Jerusalem Bible: mehr.

Offensichtlich hat die Katholische Kirche, auch 450 Jahre nach der Reformation, immer noch nicht voll und ganz die Bedeutung der Verbreitung der Bibel erkannt. Es ist erstaunlich, dass auf der Webseite des Vatikans die Heilige Schrift in nur fünf Übersetzungen zu lesen ist: in Englisch, Italienisch, Lateinisch, Spanisch und - seit 2010 - in Chinesisch: mehr.

Auf die französische Bibel der katholischen Liturgie sei hier ebenfalls hingewiesen. Übersetzt und online sind jedoch nur jene Bibelstellen, die im katholischen Gottesdienst, in der Sakramentenliturgie sowie im Stundengebet vorgesehen sind.

  • La bible de la liturgie: mehr

Hervorzuheben ist auch, dass von jüdischer Seite die französische Übersetzung der Hebräischen Bibel sowie des Neuen Testamentes - "Un Pacte Neuf" - von André Chouraqui im Netz zu finden ist: mehr.

 

Zielsetzungen für einen zukunftsorientierten Religionsunterricht

Junge Menschen sind oft viele Stunden am Tag online. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Bibel nur ein paar Klicks entfernt ist.
Es gehört zu einem zukunftsorientierten Religionsunterricht, die Schülerinnen und Schüler: 

  • zu einem verantwortlichen und kritischen Umgang mit der Online Bibel zu führen,
  • sie in der Handhabung der Online-Bibel zu unterstützen,
  • ihnen die Unterschiede zwischen den Übersetzungen zu erklären,
  • sie auf zusätzliche Tools wie Bibellexika, Landkarten und Kunstwerke hinzuweisen
  • und mit ihnen die interaktiven Angebote zur kreativen und motivierenden Bibelarbeit zu nutzen.

So können junge Menschen die Botschaft der Bibel entdecken und feststellen, dass die Bibel ein Fundament europäischer Kulturgeschichte ist.
Gerade aus dieser Sicht ist es bemerkenswert, dass gerade in Wikipedia-Artikeln Bibelstellen meist mit dem oben beschriebenen "Bibleserver" verlinkt sind. Darüber hinaus werden sie feststellen, dass die Lebensfragen der Menschen aus biblischen Zeiten eng mit ihren eigenen zusammen hängen.

Bibelleseplan
Das regelmäßige Bibellesen nach dem "Ökumenischen Bibelleseplan" ist auch online möglich. Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bietet  Vorschläge für eine planmäßige Bibellektüre:
Sie ermöglicht es, täglich die Bibel in überschaubaren Abschnitten zu lesen, sie im größeren Zusammenhang wahrzunehmen und Zusammenhänge zwischen alt- und neutestamentlichen Bibeltexten zu entdecken.

  • Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB): mehr
Materialien und Informationen rund um die Bibel
Neben der Online-Bibel stehen weitere wertvolle Materialien zur und rund um die Bibel im Netz zur Verfügung: Verschiedene Bibellexika, Karten zum Land der Bibel, Zeittafeln zur Bibelgeschichte sowie auch viele Kunstwerke zu biblischen Themen sind online zu finden.
Im rpi-Wiki sind sind kommentierte Überblicke, Listen und Anregungen für den Unterricht zusammengestellt.
  • rpi-Wiki "Bibel" - mit vielen Unterseiten: mehr
 


Themenwochen Online-Lernen
Neue Medien im Einsatz. Das Online-Magazin in zweimonatigem Turnus!

  • Juni 2009: Wenn die Bibel online geht.
    Alte Botschaft - neue Medien

    Inhaltsverzeichnis: mehr
  • Alle bisher erschienen Ausgaben im Überblick: mehr


 

Kommentare

Bibel: evangelisch und/oder katholisch?

Bernd Steinfeld, Gemeindereferent | 07/06/2010, 12:23

Ich schließe mich der Bewertung von Thomas Nolte an. Die Bedeutung der Bibelverbreitung in Frage zu stellen zeigt entweder Desinteresse oder Ignoranz der einschlägigen Verlautbarungen über die Bedeutung der Bibel seit dem 2. Vatikanischen Konzil an. Die wichtigste Stelle scheint mir in der Enzyklika "Evangelii nuntiandi" zu stehen, wo das Selbstverständnis der Kirche (gemeint ist hier nicht nur die röm.-kath. Konfession) und ihre Existenzberechtigung mit dem Auftrag zu evangelisieren definiert wird. In der Evangelisierung finde die Kirche ihre "tiefste Identität". Interessant ist, dass hier noch vor die Definition von Melanchthon gegangen wird, der ja gesagt hat, Kirche sei dort wo das Wort verkündigt und die Sakramente ordentlich gefeiert würden.
Die vielfalt der (evangelischen) Übersetzungen wird bei uns gerne in Anspruch genommen. Wir müssen doch das Rad nicht immer neu erfinden, wenn es um moderne Sprache, jugendgemäße oder frauengerechte Ausdrucksweise geht! Die "Einheitsübersetzung" ist halt für die Verkündigung im Gottesdienst verbindlich - lesen und darüber sprechen "darf" jede/r Katholik/in alle Übersetzungen und Übertragungen.
Ob der kath. Kirche andere Schriften wichtiger sind als die Bibel - die Antwort auf diese Frage dürfte doch wohl unstrittig sein! Ob das auch in den Gemeinden ankommt, ist eine viel wichtigere Frage. Und da stehen wir wieder vor dem "ökumenischen" Problem, dass Bibeln im Bücherregal verstauben.

RE: Bibel: evangelisch und/oder katholisch?

JeanLouisGindt | 13/10/2009, 17:20

JeanLouisGindt

Lieber Thomas Nolte,

Danke für den konstruktiv-kritischen Kommentar. Auch ich bin in der katholischen Kirche beheimatet, stehe dennoch zu meiner Aussage: "Offensichtlich hat die Katholische Kirche, auch 450 Jahre nach der Reformation, immer noch nicht voll und ganz die Bedeutung der Verbreitung der Bibel erkannt."

Die offizielle Webseite des Vatikans ist derzeit in 8 Sprachen verfasst. In ebenfalls 8 Sprachen kann ich den Katechismus der Katholischen Kirche online lesen, das Kompendium dazu gibt es sogar in 11 Sprachen. Die Dokumente des Vaticanum II sind in mindestens 10 Sprachen und der Kodex des Kanonischen Rechts in 7 Sprachen zu online lesen.

Und die Bibel? In Latein, Englisch, Italienisch und Spanisch ist sie online unter www.vatican.va zu lesen. Dabei gibt es doch in nahezu allen Sprachen Bibelübersetzungen, die für den Gebrauch in der katholischen Liturgie anerkannt sind!

Ob der Katholischen Kirche wohl doch andere Schriften wichtiger sind als die Bibel?

Bibel: evangelisch und/oder katholisch?

Thomas Nolte | 14/09/2009, 15:50

"Offensichtlich hat die Katholische Kirche, auch 450 Jahre nach der Reformation, immer noch nicht voll und ganz die Bedeutung der Verbreitung der Bibel erkannt."

Als Katholik finde ich diese Formulierung ungeheuerlich! Misst man das Bibelinteresse neuerdings an der Anzahl der verfügbaren Bibelübersetzungen?

Liegt die Bibelübersetzungsvielfalt in der(?) evangelischen Kirche nicht vielmehr an ihrer "Zerstückelung" in Landeskirchen, Lutheranern, Reformierten und Freikirchlern? - Die römisch-katholische Kirche dagegen verstand sich immer als Weltkirche (ein Messbuch mit weltweit gültigem Bibelleseplan) und Latein war mindestens bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) ihre sie einigende Weltsprache. Noch heute werden im Vatikan fehlende lateinische Begriffe aus Wissenschaft und Technik neu geprägt.

Das "sola-scriptura-Prinzip" Luthers hat sicherlich auch zu einer herausgehobenen Achtung und Würdigung des Wortes Gottes in den evangelischen Kirchen beigetragen. In reformierten Kirchen liegt die Bibel deshalb auf dem Altar und es fehlen die farbigen, oft reich illustrierten "Bilderbibeln" in den Kirchenfenstern.

Wie dem auch sei, freuen wir uns einfach über die Vielfalt der Übersetzungen!
Über das Internet wird es durch das Wiki-Prinzip (hier: Bibelübersetzungen und Erläuterungen teilen) immer besser möglich werden, Online-Bibeln auch in selten vorkommenden Sprachen und Dialekten gratis zu publizieren. Allein in Afrika soll es 2.000 Sprachvarianten geben! Das wird von keinem Verlag durch gedruckte Ausgaben befriedigt werden können.

Die Hauptsache ist, dass das Wort Gottes in der Welt Verbreitung findet, egal ob auf "anglikanisch", "evangelisch", "katholisch", "koptisch", "orthodox" oder sonstwie.

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