Buch des Monats August 2010 - Jacques Dupuis und der religiöse Pluralismus

ReinhardKirste | 29 Juli, 2010 17:19

Der belgische Jesuit Jacques Dupuis (1923-2004) ist durch sein theologisches Engagement bei der Begegnung der Religionen bekannt geworden. Der Vatikan versuchte mit einer Notifikation (2001) diese interreligiöse Offenheit auszubremsen. Das bereits 1997 in Englisch und Französisch erschienene Buch (Rezension hier), inzwischen Standardwerk einer christlichen Theologie der Religionen in Fortführung des 2. Vatikanischen Konzils, ist nun endlich in Deutsch verfügbar:

Jacques Dupuis
Unterwegs zu einer christlichen Theologie des religiösen Pluralismus.

Hg.: Ulrich Winkler, Vorwort Hans Waldenfels
mit dem Text der Notifikation und weiteren Stellungnahmen
Innsbruck / Wien: Tyrolia 2010
--- Ausführliche Rezension hier ---

Jacques Dupuis gelingt es mit diesem Werk, Geschichte und Systematik interreligiöser Begegnung so aufzuarbeiten, dass die  Unterschiede und Konvergenzen aus einer trinitarisch-christologischen Sicht heraus deutlich werden. Religiöser Pluralismus wird damit zur Chance vertiefter Begegnung religiöser Traditionen und ihrer Heilsangebote.

 

Islamfeindlichkeit als Konfliktstoff der Gesellschaft

ReinhardKirste | 23 Juli, 2010 11:34

Es wirkt sich wie ein Verhängnis aus: Der Islam hat unter allen großen Religionen das negativste Image. Gewalt- und Terroraktionen "im Namen des Islam" scheinen dies tagtäglich zu bestätigen (vgl.  INTR°A-Tagebuch zum Schweizer Minarettverbot und Tariq Ramadan und der Umgang mit dem Islam in Europa). Aber bei genauerer Betrachtung wird ein entscheidender Faktor übersehen, nämlich, dass die Angst vor dem Islam nüchterne Analysen verhindert und die Vielfältigkeit des Islam völlg aus dem Blick gerät
--- Vgl. dazu auch die Debatte um Islamfeindlicheit in der ZEIT  sowie den gesamten Streit in den Feuilletons um "Hassprediger" der einen und anderen Seite. 

Im Buch von
Thorsten Gerald Schneiders: "Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen" (VS 2009)  (Rezension hier)
werden darum Diagnosen und Handlungsanleitungen vorgelegt, die man nicht einfach als islamophil abtun kann, sondern zu ernsthafter Debatte herausfordern.

Inzwischen ist eine Art Folgeband erschienen, der deutlich macht, dass es weder Sinn macht, den Islam schön zu färben, noch mit pauschaler Polemik Vorurteile zu bestärken:


Thorsten Gerald Schneiders (Hg.):
Islamverherrlichung. Wenn Kritik zum Tabu wird.

Wiesbaden: VS-Verlag 2010
--- Rezension in Vorbereitung ---

Das schon etwas länger auf dem Markt befindliche Buch von
Sabine Schiffer und Constantin Wagner:
Antisemitismus und Islamophobie - ein Vergleich.
Wassertrüdingen: HWK 2009
untersucht ein weiteres Stereotyp, das schon als Frage oft zurückgewiesen wird: Setzt sich der Antisemitismus als Islamfeindlicheit fort?  (Rezension im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund hier)
So beeindruckend der Ansatz dieses Buches ist und auch positive Rezensionen vorliegen (vgl. auch das Interview bei Telepolis) so sind Begründungen und Belege oft nicht hinreichend abgesichert, so dass dadurch ebenfalls wieder Vorurteile und (nur) scheinbar begründete Abwehrmechanismen entstehen. Gerade weil die Autoren einen oft tabuisierten Themenbereich einer härter werdenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung auf den Punkt gebracht haben, kann man nur auf eine überarbeitete Neuauflage hoffen.
 
Denn es gilt: Mit dem Vorurteil des Kampfes der Kulturen lässt sich keine Harmonie in einer multikulturellen Gesellschaft erzielen. Darauf hat schon
Stefan Weidner in seinem "Manual für den Kampf der Kulturen" hingewiesen (vgl. Rezension). Und der Schriftsteller und Wissenschaftler Abdelwahab Meddeb zeigt durch eine Re-Lektüre des Koran auf, welchen Reichtum islamische Spiritualität für eine post-okzidentale Kosmo-Politik bedeuten kann
(in: Pari de civilisation, Seuil 2009 - hier Kommentar, französisch).
 
Vgl. dazu auch:
--- Erklärung von Interkulturellem Rat Deutschland, Pro Asyl u.a.:
      Rassisten sind eine Gefahr, nicht Muslime!
--- Interview von Qantara.de mit dem Ernst Benz, Leiter des Zentrums für 
     Antisemitismusforschung an der TU Berlin: 

Tod und Jenseitsvorstellungen im Glauben der Völker

ReinhardKirste | 08 Juli, 2010 10:21

Es ist schon über 20 Jahre her, dass der Bonner Religionswissenschaftler Hans-Joachim Klimkeit zusammen mit seinen Fachkollegen eine Ringvorlesung hielt, in der es um Sterben und sowie das "Jenseits" in den verschiedenen religiösen Traditionen ging. Das 1983 in 2. Auflage herausgekommene Buch ist immer noch ein beeindruckendes Zeugnis für eine religiös geprägte Lebensgestaltung, die mit dem Tod nicht alles an ihr Ende gekommen sieht. So werden Jenseitsvorstellungen von der Vorgeschichte über das Zweistromland, den Alten Orient bis zu heutigen großen Religionen - auch mit ihren Kunstwerken - vorgestellt:

Hans-Joachim Klimkeit (Hg.):
Tod und Jenseits im Glauben der Völker.

Wiesbaden: Harrassowitz 1083, 2. Aufl.
Mit Beispielen belegte
Besprechung (hier)
im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund, Sommersemster 2010

 

Experience Extrême - oder das Spiel mit dem Tod

ReinhardKirste | 07 Juli, 2010 12:03

Eine heftige Debatte löste die Ausstrahlung eines sog. Fernsehquiz' im französischen Sender France 2 aus, weil dort im Stile der Unterhaltungsformate der Kandidat bei falschen Antworten mit (scheinbaren) Stromstößen bestraft wurde. Dies wussten jedoch die zufällig ausgesuchten Fragenden nicht.

Die Produzenten der Sendung hatten sich an dem berühmten Milgram-Experiment der 60er Jahre an der Universität Yale orientiert und es aktualisierend (ohne den damaligen wissenschaftlichen Anspruch) of dide immer brutaler agierende Medienwelt übertragen.Die Ewrgebnisse sind noch erschreckender als damals!

Die fast gleichzeitig erschienene Dokumentation zur Sendung gibt Hintergründe, Abläufe und Probleme des "Spiels mit dem Tode" ausführlich wieder. Leider gibt es das Buch bisher nur auf Französisch.
Im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund wurden Buch und Sendung ausführlich besprochen.

Buch des Monats Juli 2010 - Religiöse Grundlagen der Menschenrechte

ReinhardKirste | 30 Juni, 2010 11:23

An der Achtung für der Würde des "Anderen" entscheidet sich serh deutlich, wie es die Religionen grundsätzlich und praktisch mit den Menschenrechten und der Menschenwürde handeln. Die religiöse Geschichte der Menschenrechte ist für alle Religionen nicht unbedingt ein Ruhmesblatt. Die katholische Theologin Katharina Ceming versucht nun, den "Ernstfall" Menschenrechte (auch im Blick auf Frauenrechte) durch die verschiedenen Religionen durchzudenken. Dabei ist ihr ein beeindruckendes Werk gelungen:

Katharina Ceming: 
Ernstfall Menschenrechte.
Die Würde des Menschen und die Weltreligionen
  
München: Kösel 2010
         --- Rezension hier ---

Katharina Ceming hat die Zusammenhänge von Spiritualität und Ethik schon mehrfach aufgenommen und dabei Gemeinsamkeiten der Religionen immer wieder herausgehoben.
Hier sei an das Buch erinnert:


Sorge dich nicht um morgen -
Die Bergpredigt buddhistisch gelesen.
Kösel 2009 (Rezension hier)

 

Besonders durch das von von ihr gegründete Institut: Quelle des guten Lebens nimmt diese Überlegungen kontinierlich und lebenspraktisch auf.
Die INTR°A-Bibliothek hat dieses Buch wegen seiner religiös-aktuellen Bedeutung zum Buch des Monats Juli 2010 gewählt.

 

Tiziano Terzani - in der Spannung von Frieden und Krieg, Krankheit und Sterben

ReinhardKirste | 17 Juni, 2010 20:38

Im Rahmen eines Seminars zum Thema "Jenseitsvorstellungen in den Religionen" wurden Bücher des italienischen Schriftstellers und Journalisten Tiziano Terzani (1938-2004) vorgestellt, dessen Begegnungen mit asiatischer Spiritualität und Religiosität auch sein persönliches Leben bis zu seinem bewussten Sterben beeinflusst haben. Drei Bücher seien besonders hervorgehoben:

Tiziano Terzani:

  • Das Ende ist mein Anfanng. Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens (2008)
  • Noch eine Runde auf dem Karussell. Vom Leben und vom Sterben (2004)
  • Briefe gegen den Krieg 2003
In der Vielfalt von Terzanis Veröffentlichungen kommt ein starkes Engagegent für Gerechtigkeit und Frieden ebenso zum Ausdruck wie eine religiös-wachsende Weisheit und innere Gelassenheit durch die Begegnung mit asiatischen Religionen.  

Die Jenseitsmythen der Menschheit

ReinhardKirste | 15 Juni, 2010 17:52

Unter diesem Titel haben zwei erfahrene Pädagogen udn Theologen Jenseitsmythen aus verschiedenen religiösen Traditionen zusammengestellt, große Religionen, traditionale Glaubensweisen - bereits vergangene, aber auch heute noch sehr lebendige, und zwar:

Aus dem Mittelmeerraum und dem Mittleren Osten in der Antike, Nordgermanen, Judentum, Christentum, Zoroastrismus, Islam, Indien, Tibet, Ostasien, Indonesien, Australien, Neuseeland und Ozeanien, Schwarzarfika, Sibirien, die beiden Amerikas.

Im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund über Jenseitsvorstellungen in den Religionen wurde das Buch ausführlich besprochen:

Dietrich Steinwede / Dietmar Först:
Die Jenseitsmythen der Menschheit.

Düsseldorf: Patmos 2005
--- Rezension und Beispiele hier ---

Eric-Emmanuel Schmitt - Lebensfragen im Spiegel der Weltreligionen

ReinhardKirste | 15 Juni, 2010 09:34

Der französische Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt hat mit vier Büchern eine religiöse Tetralogie so entwickelt, dass interreligiöse Begegnung existentiell erlebt und für die Protagonisten Hoffnung entsteht. In Deutsch erschienen:

  • Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran (2003) - Islam
  • Oskar und die Dame in Rosa (2003) - Christentum
  • Das Kind von Noah (2004) - Judentum
  • Milarepa (2006) - Buddhismus
Im Rahmen eines Seminars zum Thema "Jenseitsvorstellungen in den Religionen" wurde auch die Erzählung  gab es auch eine

 

Dies ist eine beeindruckende Auseinandersetzung mit dem Sterben, dem der zehnjähriger Junge Oskar durch neu gewonnenes Vertrauen in Gott bewusst entgegen gehen kann. Die Christin Oma Rosa wird ihm dabei zur hilfreichen Begleiterin.

   

Pädagogische Materialien, Schulbücher und Koran-Übertragungen für Kinder und Erwachsene

ReinhardKirste | 12 Juni, 2010 11:48

Zwar gibt es noch immer Hürden für die Einführung eines Islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen, aber die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien aus islamischer Sicht kommt gut voran.

Das interdisziplänare Zentrum für Islamische Religionslehre der Universität Erlangen- Nürnberg unter Leitung von Prof. Dr. Harry Harun Behr gibt als konkrete Hilfestellung die als PDF (Demo-Version) erhältliche Zeitschrift für die Religionslehre des Islam (ZRLI). Bisher sind 6 Nummern erschienen. ZRLI kann als PDF in der Vollversion gratis abonniert werden. 

ZRLI Nr. 06 (Dezember 2009, Vollversion):Schwerpunkte - islamische Religionspädagogik und die Frage nach dem Bösen im Unterricht

Nachdem das für das 5./6. Schuljahr ausgewiesene Buch "Saphir 5/6" (Kösel-Verlag) schon sehr wohlwollende Aufnahme fand und auch schon staatlich mehrfach genehmigt wurde (vgl. INTR°A-Rezension), hat es nun auch noch den Ehrenpreis für das beste europäische Schulbuch 2009 gewonnen.

Auffälligerweise fehlt dem Grundschulbuch "Die Schöne Quelle" für die 3./4. Klasse noch immer die Zulassung. Auch gibt es von mehreren islamischen Religionspädagoginnen Kritik wegen falscher Darstellungen.

Das schwerpunktmäßig für Niedersachsen entwickelte Schulbuch für die 1./2. Klasse, das im Kontext der dortigen Entwicklung islamischen Religionsunterrichts fachkundig erarbeitet wurde - Mein Islambuch, Grundschule 1/2 (Oldenbourg-Verlag München) - wird inzwischen in der Schulpraxis konkret überprüft.

Der Verlag hat auch hat einige Seiten beispielhaft vorgestellt. Im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund gibt es dazu eine ausführliche Besprechung (hier). Dieses Grundschulbuch mit Lehrermaterial (144 Seiten Text mit dazu gehörenden Arbeitsblättern in Loseblattform) ist bereits für Nordrhein-Westfalen, Bayern, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen zugelassen.
Es verwundert sicher nicht, wenn es auch Kritik gibt, die Wolf Ahmed Aries konkretisiert.

In Berlin ist dagegen das von der Senatsverwaltung in Auftrag gegebene Handbuch "Islam und Schule" trotz langer, aber eben auch kontrovers geführter Vorbereitung für die Praxis offensichtlich nicht sonderlich empfehlenswert, wie der Tagesspiegel berichtet. 

Ausgesprochen empfehlenswert ist das mit Erfahrung und praktischen Beispielen gesättigte Heft mit "Modellen für religiöse Feiern in der Schule", das der Deutsche Katechetenverein (DKV) herausgebrachte und für den die Religionslehrerin und Fachreferentin Maria Holzapfel-Knoll und der Religionspädagoge Prof. Dr. Stephan Leimgruber verantwortlich zeichnen: Gebete von Juden, Christen und Muslimen.

Daneben erfreuen sich weitere neuere  Unterrichtsmaterialien einzelner Autoren und Autorengruppen einiger Beliebtheit.

Dazu gehört weiterhin aus der Reihe der "Calwer Materialien": Haus des Islam. Einblick und Einsichten (ISBN 978-3-7668-4060-8, mit Rezension),  das gerade für den Unterricht viele didaktisch gut aufbereitete Anregungen und Geschichten für die Sekundarstufe II bietet und bis in die Koran-Zitate durch ein kompetentes Autorenteam (Religionspädagogen und Islamwissenschaftler) intensiv bearbeitet wurde.

Überdies wären etwa zu nennen: "Lehr- und Arbeitsmaterialien für den Islamunterricht 5/6".

Hinzu kommen reich illustrierte Materialbände, wie der zum Islam, der in der Reihe "Die Welt der Religionen" erschien (vgl. Rezension).

Auch eine Einführung in den Koran, wie sie von
Lamya Kaddor und Rabeya Müller vorgelegt wurde:

eröffnet Möglichkeiten für ein besseres und sachgemäßeres Verständnis des Islam in seiner Pluralität. 

Was für den hier genannten Koran eher für SchülerInnen in der Sekundarstufe I und II gilt, haben nun für Grundschulkinder herausgebracht:

Neu: Hamideh Mohagheghi / Dietrich Steinwede
Was der Koran uns sagt. Für Kinder in einfacher Sprache.

München: Bayerischer Schulbuchverlag (Patmos / Oldenbourg) 2010
--- Rezension hier ---

 

Islamische Reformkräfte - das Beispiel Indonesien

ReinhardKirste | 09 Juni, 2010 18:57

Angesichts der negativen Schlagzeilen, die "der" Islam immer wieder macht, lohnt der differenzierte Blick in den variantenreichtum des Islam, wie er sich mit reformerischem Gesicht in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land zeigt.

Es ist ausgesprochen wichtig, solche Reformentwicklungen auch in Europa wahrzunehmen und gleichzeitig solche Möglichkeiten als Gesprächsbasis zu benutzen:

Simone Gröschl:
Islamische Reformdiskurse in Indonesien.
Vom Neo-Modernismus
                          zum "Netzwerk Liberaler Islam".
                     Saarbrücken: VDM Dr. Müller (E-Book) 2010
         --- Rezension hier ---
      
In diesem sorgsam recherchierten Buch wird deutlich, dass interreligiöse Begegnungen für eine harmnische Gesellschaft ein wesentlicher Faktor bleiben.

 

Buch des Monats Juni 2010: Versöhnung zwischen Ost und West - Henri Le Saux

ReinhardKirste | 31 Mai, 2010 16:52

In einer überarbeiteten und erweiterten Auflage ist das schon 1979 erschienene "biografische Tagebuch" von
Henri Le Saux (1910-1973) über die Begegnung mit seinm Guru Sri Gnanananda herausgekommen: Ein beeindruckendes Zeugnis des Benediktinermönches mit dem indischen Namen Swami Abhishiktananda.

Dieser Brückenbauer zwischen christlicher und indischer Spiritualität gehört zu denjenigen, die das feuer der göttlichen Weisheit über die Grenzen der eigenen Religion hinaustrug.

 

Swami Abhishiktananda (Henri Le Saux):
Das Feuer der Weisheit.
Hg.: Bettina Bäumer und Christian Hackbarth-Johnson
Grafing: Aquamarin 2009, 188 S.
--- Rezension hier ---

Durch die erneute Herausgabe dieser Texte durch zwei kompetente Kenner und Freunde von Henri Le Saux wird diesem großen Wegbereitern des Dialogs mit Asien ein beeindruckendes und weiterwirkendes Gedächtnis gesetzt.

Vision einer interreligiösen Welt-Theologie

ReinhardKirste | 16 Mai, 2010 12:31

Die lateinamerikanische Buchreihe "Por los muchos caminos de Dios" = "Auf den vielfältigen Wegen Gottes" endet mit ihrem 5. Band bei der Vision einer planetarischen Theologie:
Theologie nicht mehr gefangen im Ghetto der eigenen dogmatischen Aussagen, sondern orientiert an einer versöhnenden, auf Gerechtigkeit basierenden Weltverantwortung. Die Internationale Theologische Kommission der Ökumenischen Assoziation der Dritte-Welt-Theologen (EATWOT) hat dieses visionäre Experiment gewagt und ihr Vorsitzender hat dieses englischsprachige Buch herausgegeben:

José María Vigil (ed.): Toward a Planetary Theology.
Along the Many Paths of God, Vol V.

Montreal (Canada): Dunamis Publ. 2010
--- Ausführliche Rezension hier ---

Es lohnt sich, den Gedanken der größeren Ökumene mit den Autoren im einzelnen zu verfolgen und sich von diesem Weg zur Anerkennung der Gleich-Wertigkeit der Religionen herausfordern zu lassen.

Der in panama lebende Claretinerpater José María Vigil hat übrigens mit seinen bisherigen Veröffentlichungen bereits erstaunliche religionsplualistische Schritte im Kontext der Theologie der Befreiung getan
(Mehr zu Vigils Arbeiten hier).

Der zuvor in Glasgow und inzwischen in Münster lehrende Professor für Religiöse Studien und Interkulturelle Theologie, Perry Schmidt-Leukel, hatte mit seinem Buch Transformation by Integration. How interfaith encounter changes Christianitiy (SCM-Canterbury Press 2009) in eine ähnliche Richtung gewiesen
(Näheres, siehe Rezension).

 

Moral ohne Gott? Zur Bedeutung der Vernunft im Mittelalter

ReinhardKirste | 03 Mai, 2010 11:46

Der Atheismus gilt als ein Phänomen der Neuzeit. Dass aber schon mittelalterliche Theologen versucht haben, ethisches Handeln vernunftgemäß zu begründen - ohne Gott dabei direkt ins Spiel zu bringen -  logische Folgerungen dieser Art finden sich in dem Buch:

Gregor von Rimini (ca. 1300-1358):
Moralisches Handeln und rechte Vernunft.

Kommentar zu den Distinktionen des 2. Sentenzenbuches.
HBPh[MA] Bd. 22. Freiburg u.a.: Herder 2010
--- Rezension hier ---

Natürlich ist nicht die Leugnung Gottes bei diesem scholastischen Theologen ernsthaft in Erwägung  gezogen, aber als Hypothese kann es hilfreich sein, Gott einmal außer acht zu lassen und festzuhalten, dass ethische Debatten sehr wohl ohne eine Rückbindung an Gott auskommen - dank einer Vernunft, die in der Lage ist, "schlechtes Handeln" (theologisch: Sünde) als solches aus sich heraus zu erkennen. 

In der beeindruckenden Reihe Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters (HBPh[MA]) werden übrigens eine Reihe von mittelalterlichen Denkern vorgestellt, deren geistesgeschichtliche Bedeutung oft unterschätzt wurde und wird. 

Die INTR°A-Bibliothek hat übrigens im Kontext  mittelalterlicher (Religions)-Dialoge u.a. bereits vorgestellt:

  • Averroes: Über den Intellekt (HBPh[MA]) Bd. 15.
    Freiburg u.a.: Herder 2008
    --- in Verbindung mit Annemarie Mayer: Drei-Religionen - ein Gott?  Ramon Llulls interreligiöser Diskussion über die Eigenschaften Gottes.
    Freiburg u.a.: Herder 2008  (Rezension hier)
  • Gilbert Crispin: Religionsgespräche mit einem Juden und einem Heiden. HBPh[MA] Bd. 1. Freiburg u.a.: Herder 2005
    (Rezension hier)

Buch des Monats Mai 2010 - Willigis Jäger und die Essenz aller Religionen

ReinhardKirste | 30 April, 2010 22:14

Der Benediktinermönch Willigis Jäger gehört zu den Vordenkern und großen spirituellen Brückenbauern im Zusammenklang von östlichen und westlichen Traditionen.
Zu seinem 85. Geburtstag ist eine Zusammenstellung von Texten unter dem Stichwort der Sophia perennis erschienen, eine Entdeckungsreise über die traditionellen Religionen hinaus:

Willigis Jäger: Ewige Weisheit.
Das Geheimnis hinter allen spirituellen Wegen.
Redaktion: Christa Spannbauer und Ursula Richard
München: Kösel 2010


--- Rezension hier ---
--- mit Besprechung weiterer Bücher von Willigis Jäger ---

Dieses durch Erfahrung gesättigte Buch macht  Mut, sich auf den Pilgerweg in die Tiefe des Seins zu begeben und damit zum eigentlichen Menschsein zu finden, das von vorurteilsfreier Liebe geprägt ist. 

Auf dem Weg zu einer planetarischen Theologie - Religiöser Pluralismus und Theologie der Befreiung

ReinhardKirste | 30 April, 2010 14:32

1.  Religiöser Pluralismus in Lateinamerika
Der in Panama lebende Theologe José María Vigil hat mit seinem Buch: Teología del pluralismo religioso erhebliches Aufsehen erregt und den Vatikan beunruhigt, denn hier werden die Option für die Armen aus der "Theologie der Befreiung" und Ansätze einer religionspluralistischen Theologie konsequent zusammengedacht.

Aus dem hier ausführlich präsentierten Buch "Teología del pluralismo religioso" sind nun die Kapitel 7-9 und 12-20  in einer deutschen Fassung verfügbar (s.u.). Die Zitate aus vatikanischen Dokumenten sind der offiziellen Ausgabe des "Denzinger" (neueste Ausgabe, Herder 2009) entnommen.

2.  Übersetzungen von "Teología del pluralismo religioso"
Die spanische (kastilische) Ausgabe des schon 2005 erschienenen Buches von J.M. Vigil wurde im Juni 2008 im INTR°A-Tagebuch ausführlich kommentiert.

Eine PDF-Version (zum Herunterladen der einzelnen Kapitel) der spanischen Ausgabe ist auf dem Markt, eine italienische Version im Verlag Edizioni Borla (Rom) erschienen.

Inzwischen ist auch die englische Ausgabe: Theology of Religious Pluralism auf dem Markt, und zwar mit dem schönen Untertitel: Towards a pluralistic re-reading of Christianity (LIT-Verlag Münster 2008).

Diese Fassung hat einige Änderungen gegenüber dem spanischen Original erfahren. So sind leider zwei Kapitel (wegen mangelnder Übersetzungszuschüsse!) herausgenommen worden. Hinzu kam ein ausführliches aktualisiertes Literaturverzeichnis. Neben einem Vorwort des amerikanischen Theologen Paul Knitter (USA) und einem Nachwort von Andrés Torres Queiruga (Spanien), lässt sich durch ein erweitertes Inhaltsverzeichnis leichter der Argumentationsgang des Buches nachverfolgen.

3.  Theologie des religiösen Pluralismus und Theologie der Befreiung
Der Zusammenhang von religiösem Pluralismus und lateinamerikansicher Befreiungstheologie wird nun sicher einem größeren Leserpublikum in Europa zugänglich gemacht. Gerade diese Konvergenzen  machen Vigils Buch in dialogischer Weise bisher einzigartig. Man muss zumindest fragen, ob die englische Übersetzung dabei manche kritische Deutlichkeit (gegenüber dem spanischen Text) etwas vernachlässigt hat. Zumindest macht sich das Fehlen einzelner Kapitel als Verlust bemerkbar, wie im Rahmen eines Seminars an der TU Dortmund herausgearbeitet wurde, wo das Kapitel "Spiritualität des religiösen Pluralismus" ( = Kap. 20, s.u.) eine wichtige Rolle spielte. Leider verrät der Verlag auch nicht, wer das Buch ins Englische übersetzt hat.

4.  Kapitel aus TEOLOGÍA DEL PLURALISMO RELIGIOSO in Deutsch
(Übersetzung aus dem Spanischen: Helene Büchel)

--- Kap. 7: Allgemeiner Überblick:
                    Exklusivismus, Inklusivismus, Pluralismus

--- Kap. 8: Ein neues Verständnis von Offenbarung
--- Kap. 9: Zwei fundamentale Prinzipien. Gott gewollter Pluralismus:
                Verzicht auf den Erwählungsgedanken
--- Kap. 12: Dogmatisch-christologische Aspekte
--- Kap. 20: Spiritualität des religiösen Pluralismus

5.  Der Autor José María Vigil
Mehr zu José María Vigil: Biografisches und Theologie.
Weiteres auch unter: Servicios Koinonia.

6.  Die Reihe Colección "Tiempo Axial"  reflektiert weitere wichtige Texte zu den gesellschaftlichen Veränderungen in Lateinamerika. Hier erscheinen regelmäßig wichtige neue Überlegungen. Diese Texte sind als Download verfügbar.

In englischer Sprache erschien im März 2010 ein von J.M. Vigil herausgegebener Sammelband unter dem Titel:
Toward A Planetary Theology. Along the Many  Paths of God
Montreal, Kanada: Dunamis Publishers 2010, 197 S.
in dem international bekannte Theologen für eine die Grenzen der Religionen überschreitende Theologie eintreten. (Rezension hier).

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